George M. Grow

 

George M. Grow (* 5. September 1969 in Wien), eigentlich Georg Michael Pfandler, ist ein amerikanisch-österreichischer Schriftsteller des Neuen Realismus und Philosoph.

Leben

Herkunft

 

Stammt aus einer Familie von Filmschaffenden. Der Vater Helmut Pfandler war Regisseur, Produzent und Drehbuchautor und kann als Hauptvertreter des österreichischen surrealen Films Österreichs angesehen werden. Einfluss auf ihn übte sein Großvater, der niederösterreichische Heimatdichter Josef Pfandler, der den Jungen mit den Mysterien des Waldviertels und der weiten Welt vertraut machte. Im Alter von sechzehn bricht die Unterweisung durch den Großvater abrupt ab mit seiner Ermordung durch die „Todesengel von Lainz“, eine Gruppe von Krankenschwestern, die Patienten in ihrer Obhut kaltblütig ermordeten.

 

Ausbildung

 

Zunächst wurde der Junge im Zuge hauseigener Filmproduktionen für das deutschsprachige Fernsehen in Filmtechnik und Schauspiel durch den Vater unterrichtet. Neben der Tätigkeit im Familienbetrieb besuchte er die Abendschule, erhielt wegen des Maturaskandals aber keinen Abschluss. Es gilt als gesichert, dass Schüler, die sich an der Bestechung nicht beteiligt hatten, bei den Prüfern durchfielen. Die Prüfungskommission wurde aufgelöst und der Skandal vertuscht. George hätte zweieinhalb Jahre warten müssen, um erneut anzutreten. Dieses für ihn prägende Ereignis sollte seinem Leben eine neue Richtung geben.

 

Berufsleben

 

Die Ereignisse bewirkten bei dem jungen Mann eine Abkehr vom öffentlichen Leben. Statt einem Beruf nachzugehen, blieb er ungebunden und verdiente sich als Privatlehrer, Seelenkemptner und Kunsthändler.

 

Einfluss auf die Entscheidung, den Wunsch zu studieren fallen zu lassen, hatte der autobiographische Bericht Der Keller des österreichischen Autors Thomas Bernhard, den er im Alter von zwanzig las.

 

Obschon Grow seit seiner Jugend schreibt, hält er die Schreibkunst in einer Zeit, die durch Fernsehen und Internet überlagert wird, für wenig geeignet, den Lebensunterhalt eines Menschen zu bestreiten. Zeitlebens findet er in seinem künstlerischen Schaffen kein Geschäftsmodell. Als „Postmystiker dritter Generation“ schreibt er

 

„für Menschen und nicht Verlage“.

 

Exil

 

Grow lebt seit 2015 teils in Europa, teils in Mittelamerika mit seiner Lebensgefährtin Kattia Watson Carazo, der Großnichte des vormaligen Präsidenten von Costa Rica Rodrigo Carazo Odios.

 

Familie

 

Der Dichterphilosoph ist kinderlos. Seine Familie wären alle Lebewesen und seine Kinder alle Menschen, „auch weil es viel leichter fällt, alle zu lieben statt einzeln“, wie er einer Romanfigur, nicht ohne Ironie, in den Mund legt. Sein Menschenbild beschrieb er in Der Messenger:

 

„Noch nie war ich ein Menschenfreund, mochte aber immer schon freundliche Menschen“.

 

Philosophie

Überblick

 

Grows Literatur zeichnet die Welt in einer einzigen Bewegung. Seine Philosophie erhebt den Anspruch, die gesamte Wirklichkeit in der Vielfalt ihrer Erscheinungsformen einschließlich ihrer geschichtlichen Entwicklung zusammenhängend, systematisch und definitiv zu deuten.

 

Anders als bei früheren Systematikern tritt bei Grow die Präzession des Denkens in literarischer Form zutage und, worauf er besonderen Wert zu legen scheint, sie folgt dem hohen Anspruch praktischen Nutzens.

 

Vision

 

Drei Visionen tauchen in seinem Werk in regelmäßigen Abständen auf:

 

  • Die Schaffung einer Agenda für die kollektive oder integrale Intelligenz des Guten.

 

Dabei wird das sogenannte Gute nicht moralisch gehandelt, sondern funktional. Gut demnach ist, wer wissentlich oder unwissentlich dem Sinn des Lebens nachkommen.

 

  • Die Erneuerung der demokratischen Funktion

 

Mit der Entthronung der Aristokratie und der Proklamation der Republik vor mehr als hundert Jahren entstand keine echte Demokratie. George Grow und die Bücher des Lebens bieten uns demokratische Aufklärung, Unterhaltung und Bildung. Sie legen uns Werkzeuge zur Hand, mit denen eine legale Wende und Reform zur wahren Demokratie möglich ist.

 

  • Die Erneuerung der religiösen Funktion.

 

Nach dem axiomatischen Ansatz von Grow besteht die größte Gefahr der modernen Gesellschaft in der Annahme, dass die Menschheit der kosmischen Ordnung entkommen konnte oder dass eine solche Ordnung nie existiert hat. Obwohl uns die Moderne von den Bindungen veralteter, despotischer religiöser und politischer Dominanz befreit hat, wurden wir in eine Leere geworfen. Es wird gezeigt, dass der Mensch eine metaphysische Dimension der Menschheit hat und mehr als nur ein individueller Aspekt ist, indem wir alle ein Schicksal, eine Bedeutung, eine Bewegungsrichtung, eine Geschichte und dieselbe Welt teilen - zusammen, aber alle auf verschiedene Weise.

 

Metaphysik

 

Mit einer Reihe mereologischer Sätze, die Begriffen wie Sinn, Ordnung, Schicksal, Glück, Zufall und Gott frischen Sinn verleihen, leistet Grow,

 

„was der österreichisch-britische Philosoph Sir Karl Popper begonnen und der österreichisch-tschechoslowakische Dichter Franz Kafka vage angedeutet hat“.

 

Neue Ganzheitlichkeit

 

Von besonderer Bedeutung ist ferner der Einfluss des Philosophen Martin Heidegger, mit dessen Werken Grow sich seit 1995 intensiv auseinandersetzte. Eine metaphysische Weltsicht, ein sehr hoher Bildungsstand und die häufig spürbaren auf festem wissenschaftlichem Boden unternommenen Vorstöße in das Reich des Seins führen zu seinem Versuch,

 

„zu einer neuen Auffassung, Tiefe und Deutlichkeit zu gelangen, die uns in jeder Hinsicht berühren und für die Herausforderungen wappnen kann, vor denen wir stehen“.

 

Damit angesprochen ist zunächst das Ende unseres Industriezeitalters und die damit verbundene Wende unseres Lebensstils, der nicht mehr aus der Fülle, sondern unter dem Diktat der Nachhaltigkeit, zum Schutz unseres Lebensraumes, Reichtum aus der Beschränkung des Menschen und seiner Innerlichkeit schöpfen wird.

 

In seinen sachlichen wie auch in seinen immer heiteren, unterhaltsamen bis witzigen Texten vereint Grow traditionelle und moderne Elemente

 

„zu einer Ganzheit, die keiner Lehre oder Ideologie folgt, sondern der Erfahrung und dem Wissen der Evolution“.

 

Grows Mystik ist Evolutionsmystik, und seine Geschichtstheorie ist Evolutionsgeschichte. Selbst seine Theologie ist die eines wachsenden Gottes, der nicht allwissend oder allmächtig ist, sondern den Gesetzen der Evolution nicht nur verpflichtet, sondern ihnen ausgeliefert ist. Wunder brechen nicht mit den uns bekannten Gesetzen, sondern folgen Gesetzen, die die Wissenschaft noch nicht erforschen konnte.

 

Eine zentrale Rolle spielen sogenannte Zufälle als Fingerzeig des Himmels. Doch weil diese auf unserer Erde nicht die Regel, sondern überaus selten sind, wird empfohlen:

 

Erlösung nicht durch Seinkönnen, sondern durch Sinnkönnen anzustreben“.

 

Suche nach dem Sinn des Lebens

 

Grows gesamtem Werk liegt ein Bildungsgedanke zu Grunde:

 

„zu zeigen, dass wir alle, selbst wenn wir nichts davon bemerken, religiös sind, das heißt, angebundenen, eingebunden, dass wir einem gemeinsamen Schicksal folgen, welcher der Sinn des Lebens ist“.

 

Diese Überzeugung liegt bereits in der Frühromantik vor. Der Leitgedanke beruht auf der erstmals von Georg Wilhelm Friedrich Hegel ausdiskutierten Einsicht, dass sich alles in einem stetigen Prozess befindet. Novalis:

 

„Wir sind auf einer Mission: Zur Bildung der Erde sind wir berufen“.

 

So auch der Mensch, der immer versucht, sich einem höheren Zustand anzunähern, der sich nach Sicht der Romantiker durch die Beschaffenheit auszeichnet, dass Mensch und Natur harmonieren.

 

Fundamentalontologie

 

Für Grow sind Zustand und Harmonie ein ewiger Widerspruch. Romantische Anschauungen, die Harmonie überschätzen oder idealisieren, liefen Gefahr,   der menschlichen Seele Zwang anzutun, „weil der Reizhunger zur Anatomie der Psyche gehört“ (vergleiche englisch „sensation seeking“). Dieser Drang sei

 

„ebenso fundamental wie der Wunsch eines Kindes zu laufen“.

 

Grow wird nicht müde darauf hin zu weisen, dass jeder Mensch die Fähigkeit habe, sich zu ändern und zu formen, solange er lebt, nämlich seine besten angeborenen Möglichkeiten zu entwickeln - ein Prozess, den die auf Grow wirksame deutsch-amerikanische Psychologin Karen Horney in Der neurotische Mensch unserer Zeit (1929) „Kampf um Selbstverwirklichung“ nennt.

 

Ein Fokus in Grows Werk liegt auf dem Versuch, zu zeigen, dass das Selbst eine metaphysische Dimension und der Mensch mehr als ein Einzelnes ist,

 

„indem wir ein Schicksal, einen Sinn, eine Bewegung, eine Geschichte und eine Welt auf vielfältige Weise teilen“.

 

Das Absolute ist zwar nicht - wie in den großen Kirchen und Religionen angelernt - in Hinblick auf sein Wissen oder in Hinblick auf seine Macht absolut, sondern weil sich jeder und alles bewusst oder unbewusst auf es bezieht.

 

„Alles ist relativ, indem es sich zum Ganzen in Verbindung bring.“

 

Insbesondere der von ihm als Grundlagenforscher geschätzte Nicolaus von Kues konnte seiner Ansicht nach beitragen, Klarheit zu schaffen, indem er zeigte, dass sich die vielfältigen Dinge um uns herum aus der Einheit entfalten.

 

„Sie sind gleichsam die sichtbaren Arme der Einheit, die uns verborgen ist.“

 

Und:

 

„Die Einheit selbst können wir nicht erkennen, weil sie sich nicht trennen lässt. Erkennen heißt trennen, scheiden, unterscheiden.“

 

Was wir tun können, ist eine Lebenshaltung, eine Einstellung leben:

 

„in der wir die Unterschiede und sogar die Gegensätze von Ja und Nein nicht mehr feindselig begreifen, sondern das, was sie ihrer Logik nach sind: Teile, die das Ganze [das Sein, die Einheit] lebendig repräsentieren.“

 

Diese Einstellung ist die ganzheitliche. Der Sprung zu Grows integralem Denken besteht darin, Ja und Nein nicht nur falsifikativ, sondern auch definitiv anzufragen, da es nicht nur Ansichten gäbe, sondern auch Wahrheiten, Axiome. Diese sucht er auf dem breiten, undurchsichtigen Feld der Falsifikation zu bestimmen und mit nützlichen Funktionen auszustatten.

 

Politik und Gesellschaft

 

Mit der Überzeugung, dass die Strukturen des Seins bekannt sein müssen, um die Wirklichkeit folgerichtig und sinnvoll zu gestalten, macht Grow auch vor der Politik nicht Halt, die ihre mereologische oder wahre Gestalt in der Demokratie habe. Nur in der Demokratie würden Einheit und Vielheit, Sein und Seiendes zu ihrem Recht gelangen, das von im Grunde allen politischen Ideologien untergraben werde: Die politische Linke würde als „Verteidigerin des industriell-standardisierten Lebensstils und Vertreterin einer Kultur des Durchschnitts, die das Besondere im Menschen zu neutralisieren und aus der Gesellschaft der Singularitäten zu verbannen sucht“ die Vielfalt aushöhlen und die politische Rechte mit ihrem „Universalkapitalismus“ die Einheit. Grow verfolgt die Überzeugung, dass weder das Urextrem, das er in der Despotie ortet, noch eine der reaktionären, oft nicht weniger extremen Strömungen, wie Liberalismus, Sozialismus, Sozialdemokratie, Faschismus, Urchristentum, Romantik und Esoterik fähig wären,

 

„realistische Strukturen zu schaffen, die der Not des Seins und des Seienden zunehmend Rechnung tragen“.

 

Eine Lösung sieht er in der Konzeption wahrer oder radikaler Demokratie,

 

„die lang gesuchte Fusion aus Hegel und Marx“.

 

Im Anschluss widmet er sich dem Entwurf volldemokratischer Mittel. Sie mögen den Schritt aus der fraktionellen in die post-fraktionelle Demokratie denkbar machen und die Spaltung und Verhetzung der Bevölkerung durch linke und rechte Machenschaften heilen, macht aber deutlich, dass der Weg aus der Propagandagesellschaft in die Freiheitsgesellschaft Zeit brauche und es bis dahin ein weiter Weg sei. Bis der letzte Faschismus überwunden ist, würde der Mensch noch viel unter der Politik leiden, und wenn schon nicht der Mensch, dann doch der Sinn zu seinem Recht kommen.

 

„Der Sinn gewinnt immer“,

 

schreibt er und will damit sagen,

 

„dass die Evolution stets das letzte Wort hat und noch aus den widrigsten Umständen seinen Nutzen zieht und als Sieger hervorgeht.“

 

Ethik

 

Sogar die Mensch und Umwelt schwer belastende Konsumgesellschaft sei sinnvoll. Der Mensch müsse selbst darauf achten, wo er bleibt und seine Wertvorstellungen überdenken.

 

Grows Figuren brechen mit allen Moralvorstellungen.

 

„Moral ist eine gute Sache, wenn sie Sinn macht.“

 

Das Opfer würde heute nicht am Kreuz oder in der Askese erbracht werden, sondern in der Bemühung „bessere und bessere Ordnung zu suchen, zu wahren, zu pflegen und gegebenenfalls auch umzustoßen, und zwar in allen Bereichen des Lebens: in der Wissenschaft, im Beruf, in der Politik, in der Familie, in der eigenen Seele oder im Haushalt, wozu in der Rubrik „Pflegen und Bewahren“ auch Reinigen fällt.

 

Mit sozialem Engagement an Kranken, Schwachen und Alten werde auch dem starken und gesunden Menschen geholfen, Sinnvolles, das heißt, Gutes zu tun. Er würde ermutigt werden, Risiko einzugehen.

 

„Nicht der Arme kommt ins Himmelreich, weil er arm ist. Eher noch kommt der Reiche in den Himmel, wenn er Gutes tut (wenn er nicht alles für sich behält).“

 

Selbst Opportunismus wird bei Grow zu einer moralischen Größe, wenn man den Vorteil, den man sich verschafft, nicht nur für sich selbst in Anspruch nimmt.

 

„Alle Möglichkeiten sind Optionen, weshalb sie uns zur Hand liegen.“

 

Auch jeder, der selbst nicht in der Lage ist, Ordnung zu suchen, zu pflegen oder gegebenenfalls umzustoßen, kann dem Sinn folgen und das Sein erschließen, indem er andere unterstützt, die darin begabt und tüchtig sind, denn:

 

„Dienen und Bedientwerden sind Falten desselben Gewandes.“ 

 

Werk

Kennzeichen

 

Grow ist ein Pionier des metaphysischen Realismus (auch Neurealismus). Für sein Werk kennzeichnend ist, dass die darin enthaltenen metaphysisch und auch magisch anmutenden Elemente wissenschaftlich und/oder unmittelbar gewiss sein müssen. Seine Argumentation bezeugt einen umfassend gebildeten Geist, sowohl im Bereich der Naturwissenschaft, als auch in den Bereichen der Psychologie und Sozialwissenschaft, der sich sowohl in sachlicher als auch in literarischer Form ausdrückt, dann aber von seiner Treffsicherheit wenig verliert. Die Letzteren gestaltete er nach den Ansprüchen der Systemtheorie und Psychosynergetik unter Einbezug des wissenschaftlichen Subjektivismus und der sich selbst gesetzten Vorgabe, der „Identität von Physik und Metaphysik wie auch der von Pantheismus, Monotheismus, Polytheismus und Atheismus auf ganzer Breiter und in aller Tiefe“ zu entsprechen.

 

In seinem Werk findet man:

 

  • den Kontrast des Out-of-the-Box Denkers zur nihilistischen, positivistischen, auch politisch-ideologischen Religion

  • den Kontrast des Einzelgängers zu den erstarrten Konventionen seiner Kultur, „dessen Vorsatz und Kunst darin besteht, raus zu gehen und mit einem neuen Leben heim zu kommen“

  • den Kontrast des aktiven Bürgers zur teilnahmslosen Masse, „in dessen Augen nicht das verlorene Schaf rettungsbedürftig ist, sondern die ganze verdammte Herde.“

 

Kritik

 

Manche Kritiker ordnen Grows Werk der Neuromantik zu und werfen ihm Anachronismus vor. Sein Werk gehöre

 

„auf den Müllhaufen der Geschichte“.

 

Gegen diese Sichtweise spricht, dass sich der Philosoph mit aller Deutlichkeit von der Gegenbewegung zum Naturalismus und der Moderne distanziert. Zwar räumt er der Erziehung und dem Vorbild größere Bedeutung gegenüber der Vererbung und dem Milieu ein, erhebt aber beide Positionen in einer Fusion zum Programm, wobei er als Darsteller, wie es unter Neuromantikern durchaus üblich war, den Fokus auf den Einzelnen, insbesondere auf den Einzelgänger richtet im einsamen Kampf gegen die alles an sich reißende und verschlingende Masse:

 

„Das schulden wir nicht nur der Umwelt und Menschheit, das schulden wir uns selbst.“

 

Speziell Grows Opus magnum war Anwürfen ausgesetzt. Trotz seines lockeren Lebenswandels und seiner übertrieben Selbstreflexion wird dem Protagonisten in Der Messenger zur Last gelegt, er sei das „männliche Pendant zur Heiligen Johanna“ und „ein Verschnitt des Don Quichotes, der gegen Phantasmen kämpft“.

 

In Mensch und Sein (2020) geht Grow auf die seinem Werk unterstellten Vorwürfe ein, nicht auf der Beweisgrundlage seines Schaffens, sondern indirekt mit Hinblick auf einen angeblich in der gesamten Menschheitsgeschichte wirksamen Menschentyp, der mit Exklusion, Dämonisierung und Scheiterhaufen Glaubenskriege zwanghaft vom Zaun bricht, den

 

„die modernistische Meute in Nachfolge der kirchlichen Inquisition in einer Neuauflage zur Verteidigung und Absolution des einzigen wahren Glaubens gegen Ketzer und Verräter des nihilistischen Superatheismus führt und trotz allem einen Nutzen hat“.

 

Lakonisch notiert er:

 

„Wir stehen nicht am Ende der Erkenntnisse und Weisheit, sondern am Anfang.“

 

Schreibstil

 

Grows jugendliches Interesse an Theater, Literatur, Kunst und Film hatte ihn früh zu den Werken von Franz Kafka, Thomas Bernhard, Joris-Karl Huysmans, Adolfo Bioy Casares und nicht zuletzt zu den Filmen seines Vaters und zur Literatur seines Großvaters geführt, deren surrealer und grotesker Ton Grow prägte. War sein erster Roman Wer kennt H? (1995) noch stark von der surrealistischen Bilderwelt alter Schule geprägt, näherte er sich konzeptionell und emotional in Werken wie Der Messenger (2008), Der Honigpilz (2014) und Des Messias neue Kleider (2015) dem Ideal seines als integral bezeichneten Schreibstils sehr an:

 

 

Als Kind seiner Zeit und Spross eines Filmproduzenten empfand Grow die meiste Literatur, die er zwischen die Finger bekam, als langweilig. Dabei stand ihm dank seiner Familie eine große handverlesene Auswahl zur Verfügung. Den einzigen, aber entscheidenden Vorteil sah er im Tiefgang, den man mit Schreiben erzeugen und mit Lesen erfahren kann. Und so wählte er doch nicht den Film oder das Radio als Ausdrucksmittel für sein „neuartiges Denken“, sondern das Buch. Um dieses Denken geht es dann aber bunt wie nur irgend möglich zu. Die Information wird spannend, witzig, romantisch, brutal, in jedem Fall abwechslungsreich in anregende Dialoge verpackt. Damit dieses Quodlibet seine Kraft nicht in wilden, leeren Aneinanderreihungen im Stile James Joyce verpufft, sondern als tiefe, dichte Fülle in Erscheinung tritt, bedient Grow sich einer engen, klaustrophobischen Bildgestaltung, auch als Spiegel der zerrütteten und vereinsamten Seelen in der weiten Welt. Seine Komödien ereignen sich vor zwei, drei oder maximal vier Bühnenbilder. Auch sein episches Werk geht mit Ortswechsel sparsam um, während aus den immer positiv, klar und liebenswert gezeichneten, aber zumeist psychisch deformierten, pathologischen Hauptfiguren das Leben nur so heraus quillt.

 

  • Verwischen literarischer Grenzen

 

Programmatisch greift Grow Genrekonventionen auf und moduliert sie bis zur Parodie. So dient Dornröschen als Schablone für Der blutige Kuss der Erweckung (2012), während Der Honigpilz (2014) eine Horror-Komödie mit Rübezahl-Anlehnung ist. Der Messenger (2008) ist eine 180-Grad-Wende von Hermann Hesses Siddhartha, der Anleihen beim Psychothriller nimmt. Der erste Akt in Des Messias neue Kleider (2015) ist eine tiefenpsychologische Umsetzung und Interpretation von Samuel Beckets Warten auf Godot. Im zweiten Akt liegt das Augenmerk auf der Therapie in Übereinstimmung mit dem Befund, den der erste Akt zur psychischen Verfassung der modernistisch angesehenen Gesellschaft erbrachte.

 

  • Verwischen der Zeitepochen

 

Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft unterliegen nicht mehr der zeitlichen Abfolge, sondern dem Entwicklungsstand der Protagonisten gemäß der drei Zeitalter, die der Autor von der Frühzeit bis in die Zukunft für Mensch und Menschheit spannt.

 

  • Integrale Ausdrucksform

 

Einfache Sprache in auch über eine Seite lang verschränkte, dennoch leicht verständliche Satzgebilde, die Abläufe parallel beschreiben können, ist ein Kennzeichen des dramaturgischen Konzepts, das weder auf realistische, noch auf surreale Elemente verzichtet.

 

  • Real Fantasy

 

War die Fantasie im Stil des in Wien produktiven Phantastischen Realismus das bevorzugte Stilmittel, um dem Schrecken der Welt, insbesondere der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, zu entfliehen, ist sie für Grow ein Mittel, um „die normative Illusion und Engstirnigkeit zur Wirklichkeit“ zu weiten.

 

  • Szenischer Symbolismus

 

Bekräftigt wird dieser auch als George Grow Effect bezeichnete Vorgang, indem die fantastisch anmutenden Erzählungen an sehr realen Orten Platz greifen, die jeder kennt und eine Art Mekka des Modernismus versinnbildlichen: Des Messias neue Kleider im Central Park und der staatlichen Einrichtung nahe der Central Station in Manhattan; Der blutige Kuss der Erweckung in Nob Hill, San Francisco, in einer der reich verzierten, im gotischen Stil erbauten Villen; Der Honigpilz im Geologischen Institut von Concord und im Kleinstadtmilieu Peterboroughs, New Hampshire; Der Messenger im vom Glauben erfüllten, kriegsumwitterten Kaschmir und einem sodomistisch vorgestellten Wien.

 

Werke

 

Wer kennt H, Mystery-Thriller (1995) 

Mensch und Sein, Sachbuch (2020)

Der Messenger, Roman (2008)

Zwölf Stationen, Jugendroman (2019)

Die Schicksalserben, Mystery-Thriller (2014)

Des Messias neue Kleider, dystopische Komödie (2011)

Der Honigpilz, Gruselkomödie (2012)

Der blutige Kuss der Erweckung, Erleuchtungskomödie (2009)

Der Weg, Sachbuch (2015)

Aus dem Dunkel, Ratgeber (2016)

Bist du groß und schön, Gedichtzyklus (2020)

Biblia democratica, Sachbuch, Manifest (2012)

I Court, Projektplan (2013)

Frankenstein, The Next Generation, Kurzfilm (2014)

Hal Hola, Kurzfilm (2014)

The Rain, Kurzfilm (2014)

The Flug zur Venus, Kurzfilm (2014)

Wer sind die Leute mit den leeren Augen, Artfilm (2017)

Zombie Apocalypse, Artfilm (2017)

The George Grow Effect, Installation (2020)